Sozialamt und Selbstständige

Rund um Selbstständigkeit unter ALG II.
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Koelsch
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Sozialamt und Selbstständige

#1

Beitrag von Koelsch » Fr 7. Dez 2018, 08:22

Offenbar ist manchmal das Sozialamt einer Stadt ähnlich einzuordnen wie das JobCenter.

Recht frisch gebackener GruSi-Empfänger (ex ALG II) möchte, wie in den Jahren zuvor, auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein verkaufen ..... und das Drama nimmt seinen Lauf. In weiser Voraussicht beauftragt er seinen Anwalt, die Sache zu handeln.

1. Reaktion des Sozialamt, man akzeptiert die übliche anwaltliche Versicherung, dass ordnungsgemäße Vollmacht vorläge nicht und hat "Fragen"

Bild

Der GruSi-Empfänger schrieb daraufhin an den Anwalt:
Lieber Herr Mailänder,

da ich körperlich in meinem Gesundheitszustand sehr belastet bin durch Aufbau und erstes Wochenende Weihnachtsmarkt, benötigte ich seit Montag viel Ruhe und habe 2 Tage fast nur geschlafen. Ab gestern bereite ich das zweite Wochenende vor, das ab morgen beginnt. Am Montag beginnt der Abbau, Rücktransport und Einlagerung des Equipments. Danach habe ich im letzten Jahr 2 Tage Schlaf gebraucht um wieder etwas tun zu können. Deshalb kann ich mich frühestens ab nächsten Donnerstag um Weiteres kümmern.

Die Vollmacht geht morgen per Post an Sie weg.

Eine "feste" Equipment-Liste existiert nicht, da immer nach Bedarf und "Umstände" (z. B. Wetter) gehandelt wird. Stattdessen haben wir das gesamte Equipment in und vor der Hütte fotografiert. Die Bilder müssen wir noch auf mehreren Seiten zusammenfassen und werden diese dann als PDF versenden. Daraus ist alles ersichtlich.

Als erstes kann man aber darauf hinweisen, dass 5 große Glühweinkessel aufgebaut sind. Zur Zubereitung vom "GewürzSud" wird eine 3500 Watt starke Induktionskochplatte mit sehr großem Kochtopf verwendet, der dann bis zur Verwendung in diversen Plastikkanistern vorgehalten wird. Die Tassen müssen in hoher Stückzahl vorhanden sein und werden auf Wärmeplatten vorgeheizt. Die Orangenstücke müssen vorgeschnitten und bis zur Ausgabe im Glühwein vorgehalten werden. Für die schnelle Ergänzung der Kessel wird eine Gastro-Mikrowelle verwendet. Der Rückgabebereich besteht aus 2 genormten Spülkörben, die abwechselnd genutzt werden, um die Gläser in den Gastro-Spülmaschinen des Veranstalters reinigen zu können. Für Wisch- und Reinigungsarbeiten ist extra Wasserbecken mit Spüllappen vorhanden. Die "Reste" aus den zurück gebrachten Gläser (Flüssigkeit und Orangenreste) werden in weiteren Gefässen gesammelt und entsorgt. Zur Entsorgung der vielen Verpackungen werden 2 Müllständer benötigt. Schlussendlich gibt es noch den Kassenbereich. Unter dem gesamten Equipment wird zudem die gesamte Arbeitsfläche durch Wachstischdecken gegen Verschmutzung der Hütte geschutzt. Auf dem Boden liegen große Schmutzmatten. Zudem sind 1 Ölradiator und bei Bedarf 2 Heizlüfter in Betrieb.

Die Hütte - ca 4 x 2 Meter groß - muss zudem weihnachtlich geschmückt werden. Ebenso die 5 Stehtische, die vor der Hütte stehen.

Dies vorab - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - zum Equipment. Wer sich den Lager-Platzbedarf dafür nicht vorstellen kann, sollte die Frage danach nicht stellen dürfen.

Alles wird mir von Frau K* (Eigentümerin des Equipments) zur Benutzung zur Verfügung gestellt. Sie verzichtet auf eine Ausleihgebühr, sofern ich wie angegeben 50% der Lagergebühr übernehme. Sollte das nicht anerkannt werden, dann besteht Frau K* auf "ortsübliche" Leihgebühren, die schnell ein Vielfaches der Lagergebühr betragen würden.

Nach dem warmen, regnerischen und teils stürmischem Wetter am ersten Wochenende und den "noch mieseren" Aussichten für das nächste Wochenende, kann man derzeit nicht davon ausgehen, dass die von mir vorhergesagten Umsätze erreicht werden können. Zudem musste ich den ältesten Kessel ersetzen, weil durch Materialermüdung ein Auslaufhahn gebrochen ist, was knapp 60 € gekostet hat. Der vorhergesagte Gewinn ist aufgrund dieser Umstände vermutlich geringer als vorhergesagt. Aber das betrifft viele Weihnachtsmärkte. In den 10 Jahren, die ich das nun mache, gibt es kein Jahr, das so warm, stürmisch und regnerisch war.

Ich hoffe, Sie können diese Angaben verwenden. Geben Sie die Mail gesamt oder in Teilen weiter nach Ihrem Gutdünken. Falls Sie der Meinung sind, dass ich mir die Bearbeitung der Bilder (vorerst) "sparen" kann und diese Angaben genügen, dann freue ich mich über eine Rückmeldung.

Danke!

Liebe Grüße
Frei nach Hanns-Dieter Hüsch, ist der Kölner überhaupt zu allem unfähig. Er weiß nix, kann aber alles erklären.
Deshalb kann von mir keine Rechtsberatung erfolgen, auch nicht per e-mail oder PN.

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kleinchaos
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Re: Sozialamt und Selbstständige

#2

Beitrag von kleinchaos » Fr 7. Dez 2018, 08:38

Unser hiesiges JC will immer die Originalvollmacht sehen
"Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden." Rosa Luxemburg

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Re: Sozialamt und Selbstständige

#3

Beitrag von Olivia » Fr 7. Dez 2018, 08:48

Das wird sich im Laufe der Zeit zu einer Art EKS auswachsen, inkl. ausführlicher Rechenschaftspflicht für jeden Beleg. Im Laufe der Zeit könnte dann auch eine Ausführungsverordnung Selbständige im SGB XII vom Sozialministerium folgen, zusammen mit genormten Formularen zur Erfassung des Geschäftsgeschehens.

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Re: Sozialamt und Selbstständige

#4

Beitrag von Olivia » Fr 7. Dez 2018, 08:55

Zur Arbeit von Selbständigen in der Grundsicherung siehe auch das hier. Der Antrag auf Grundsicherung wurde in dem Fall abgelehnt, die Grundsicherungsempfängerin muss weiter arbeiten um nicht zu verhungern.
"Ich trinke nur Leitungswasser. Kleidung - nichts über zehn Euro. Das Auto rostet vor sich hin." Petra K. hat sich vor Jahren mit einer Nähstube selbstständig gemacht. Ihre Auftragsbücher sind voll, trotzdem reicht es am Monatsende oft nicht. Manchmal gehen mehr als Dreiviertel ihrer Einnahmen allein an die Krankenversicherung. "Dass mir einmal so wenig bleiben würde, das habe ich nie für möglich gehalten", bilanziert Wera H. ihr Berufsleben als selbstständige Lottoladen-Inhaberin. Sie lebt mit 700 Euro Rente etwa 300 Euro unter der Armutsgrenze. Ihr Antrag auf Grundsicherung wurde abgelehnt, weil sie ein Haus bewohnt, für das die Raten noch nicht abbezahlt sind.

https://www.presseportal.de/pm/7840/4115184

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